Wie wahrscheinlich aus den Nachrichten zu entnehmen war, konnte die „Open arms“ gestern abend in Lampedusa einlaufen. Daniela ist ins Rescue Center, welches direkt am Dock liegt, gefahren und hat die Lage beobachtet. Sie hat so ihre Erfahrungen. Als im Februar 2011 die ersten 6000 Flüchtlinge in Lampedusa eintrafen, haben sich die zuständigen Politiker lange geweigert, die existierende Auffangstation für Flüchtlinge zu öffnen und haben stattdessen die Auffangstation für Schildkröten zum Unterschlupf für die gestrandeten Menschen erklärt. Ohne Daniela darüber zu informieren! Und so kommt sie eines Morgens vor der Arbeit(sie ist Lehrerin) an den Ort, den sie in mühevoller Kleinarbeit, in ihrer Freizeit, mit all ihrem Wissen, Geld und Herzblut und zusammen mit 100erten Freiwilligen aufgebaut hat und findet die Türen offen und Menschen auf jedem Zentimeter Boden, Stuhl und Schrank. Teure Medizinbücher liegen verstreut auf dem teilweise nassen Boden, der Inhalt von Schränken und Regalen daneben. Müll hat sich bereits in den Ecken aufgetürmt, Kabel und Mehrfachsteckdosen waren von ihren Plätzen gezerrt worden und jetzt komplett mit Handyladegeräten besetzt. An manchen Stellen waren Schnüre gespannt worden um, wie Daniela später herausfand, unterschiedliche Aufenthaltsplätze für unterschiedliche Gruppen zu markieren. Danielas erste Reaktion ist für mich bereits auf zweierlei Weise bewundernswert. 1.drehte sie nicht einfach um und ging wieder, sondern sie grüßte alle freundlich und sah erstmal nach, ob es den Schildkröten gut ging. 2. begann sie sich bereits während sie das tat zu fragen, ob es bei dieser ganzen menschlichen Tragödie um sie herum, unter den Augen von Leuten die so gut wie alles verloren haben, rechtfertigbar sei, sich als erstes einmal um TIERE zu kümmern. Auch in den folgenden Tagen und Wochen, in denen ihr Lebenswerk unter Müllbergen verschwand, stellte sie immer wieder ihren Fokus infrage. Und indem sie versuchte mit anderen Augen zu sehen, entdeckte sie, daß die Bücher auf dem Boden so gestapelt waren, daß sie Bettständer oder ganze Liegeflächen bildeten, so daß die Menschen nicht auf dem naßen Boden schlafen mußten. Sie kam zu dem Schluß, daß sie in der gleichen Situation wahrscheinlich dasselbe gemacht hätte. Sie hätte wahrscheinlich auch keine große Vorsicht walten lassen wenn sie nach Tagen unter freiem Himmel (im Februar!) auf der Suche nach Wasser, Eßbarem, Decken, Medikamente und Stromanschluss gewesen wäre, um endlich der Familie zuhause Nachricht geben zu können, daß sie noch lebt. Und als Lehrerin weiß sie, daß man von Menschen, die noch nie einen Mülleimer gesehen haben, nicht erwarten kann, daß sie diesen benutzen. Also ging sie daran zu unterrichten. Was Mülleimer sind und wie sich Schildkröten vermehren. Sie drückte Männern, die noch nie ein Haus geputzt hatten, Besen in die Hand und erklärte wie man sauber macht. Und daß Kokain hierzulande keine offizielle Geldanlage ist. Sie sorgte für Kochgeräte, Stromkabel und Internetanschluß. Sie kochte heißen Tee.
Und sie wütete, schrie und schimpfte. Manchmal verbarrikadiert sie sich im OP und sagte dem „Übersetzer“ ins Gesicht, daß sie jetzt mal 10 min keinen dunkelhäutigen Menschen mehr sehen möchte. Sie sagt heute, das gehört eben auch dazu. Wir sind alle nur Menschen unter Menschen. Aber sie hat immer wieder die Stärke gefunden den Blickwinkel zu wechseln, mit anderen Augen zu sehen und Unterschiedlichkeit auszuhalten ohne zu verurteilen. Für mich gehört dazu ungemeine charakterliche Größe! Daniela ist sicher kein Engel. Sie kann unfreundlich und bestimmend sein, verbohrt und für meinen Geschmack manchmal zu schnell und zu absolut in ihren Urteilen. Wie wir alle, macht sie sich manchmal ihre Welt wie sie ihr gefällt. Aber ich selbst hätte es nie geschafft alles, wofür ich und Menschen die mit wichtig sind so hart gearbeitet haben im Chaos vor mir zu finden und zu sagen: „Nicht schön, aber ich verstehe Dich. Komm, laß uns zusammen aufräumen!“ Wieviel besser würde unsere Welt aussehen, wieviel weiter wären wir schon gekommen, wenn mehr Menschen wüßten, wie man sowas macht!? Und wenn unsere Gesellschaft Menschen wie Daniela zu ihren Helden machen würde und nicht einen Kerl, der sich einfach nur beim Essen filmen läßt!
(Ich hab übrigens den Verdacht, daß Gabriele letzteres genauso sieht. Was ihn fast schon wieder zum Helden macht;-)
What an incredible story! Congratulations and Bravo to Daniela – a true hero! Was any article written about this for a newspaper? It should be. Joanne Stournara
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