Fazit

Ich bin nach einem Resümee meines Sri Lanka Aufenthaltes gefragt worden. Ich finde das schwierig, weil es einfach so viele interessante, beeindruckende, verwirrende, emotionale, neue, unerwartete, aufschlußreiche, schöne, frustrierende und nervenaufreibende Eindrücke gab, die manchmal komplett konträr liefen oder immernoch kein klares Bild ergeben. Es ist nicht wirklich möglich, das alles in ein paar Zeilen zusammenzufassen.

Eines der Dinge, die mir mein „all inclusive“ Aufenthalt vielleicht gezeigt hat war, dass es doch ein recht glücklicher Zufall war, dass ich ausgerechnet in Europa geboren wurde. Ich bin eigentlich nicht der “Reisen um zu bestätigen dass es zuhause am schönsten ist” Typ aber als Frau erlebt man andere Kulturen immer auch unter dem Aspekt der Gleichberechtigung. Und wenn einem AUFFÄLLT dass dies so ist, dann meistens deshalb weil es gerade keine gibt. Natürlich WUSSTE ich bereits vorher, dass meine Stellung außerhalb Europas eine andere ist, aber es macht einen Unterschied ob frau dann jeden Tag live ERLEBT wie es ist, wenn das -und ihr- Leben von Männern bestimmt wird. So selbstverständlich und undisskutiert, daß es ihr am Anfang gar nicht auffällt und sie sich, wenn es ihr dann plötzlich sauer aufstößt, erstmal sagt, dass sie überreagiert oder sich manche Sachen nur einbildet. (Klassisch!)
Dieses kleine Störgefühl, das irgendwann auch mal richtig groß wird und all die Momente in denen man sich fragt, ob man sich das jetzt eigentlich wirklich gefallen lassen muß: Erst da realisiert man so wirklich, was Emanzipation im Alltag bedeutet. Und man entwickelt große Sympathie mit denen, die sich “das” und noch ganz andere Dinge tatsächlich gefallen lassen müßen. Ihr ganzes Leben lang. Und es wir einem klar, wie lang und mühsam der Weg zur Gleichberechtigung war und ist. Man versteht auch wie brüchig diese eigentliche Selbstvertändlichkeit ist und wie sehr wir in Deutschland und Europa aufpassen müßen, dass sie nicht von Strömungen wie der AfD schleichend wieder einkassiert wird.

Der Gedanke an die pure Existenz von Dingen wie der AfD beschämt mich umso mehr, wenn ich daran denke mit welchem Langmut und welcher Geduld man mir, der Ausländerin, hier begegnet ist. Ich habe bestimmt 100te (ungeschriebene und vielleicht sogar geschriebene) gesellschaftliche Regeln gebrochen. Teilweise weil ich einfach nichts von ihnen wußte, teilweise weil ich stur auf MEINE Wertvorstellungen bestanden habe. Und nicht EINMAL ist jemand laut geworden. Klar, Thushan hat mich ein- oder zweimal zurechtgewiesen und manchmal war sein Ton etwas vorwurfsvoll wenn er mir erklärte, dass man “das hier anders macht”. Wir hatten auch ein, zwei größere Streits. Aber alles geschah höflich. Und Thushan und seine Familie haben mich nichtsdestotrotz 2 1/2 Monate in ihrem Haus ertragen und an ihrem Tisch durchgefüttert! Sowohl er als auch Mrs. Daisy in Rekawa und Nayomi in Anuradhapura haben mich zu ihren heiligen Stätten mitgenommen und mich an ihren Familienfeiern und ihrem Alltag teilhaben lassen. Sie haben nur gutmütig gelächelt wenn ich keine weißen Klamotten hatte oder vor dem Familienoberhaupt zur Verabschiedung nicht auf die Knie gegangen bin. “Ist schon gut, sie kann das ja nicht wissen”. Wenn ich im Vergleich dazu daran denke, welche Schimpftiraden in Deutschland auf einen “Ausländer” bereits einprasseln können wenn er nur aus Versehen den Müll in die falsche Tonne wirft…..

Kandy

I am back in hill country. It doesn’t get as hot here as in Mennar or Vidathaltivu and not as humid as in Panadura. One doesn’t even need aircon at night. There are tea plantations everywhere and Kandy itself is arranged around a little lake.
At the moment I am having a drink at the Queens hotel, a colonial building past its prime. The “elephant ride” seems to taste different every day but maybe that’s just me 😉

I came here after the evening ceremony in the Kandy temple of the tooth. It is said that one of Buddhas teeth (the left front tooth to be precise) is stored here. It is a very sacred place and relique for Buddhists not only in Sri Lanka. Every believer should have visited the tooth temple of Kandy at least once in his/her life. For tourists there is a quite high entrance fee and I was reluctant to pay for „just another Dagoba“. But as I missed two tourist attractions today due to insufficient guidebooks and misleading map-apps, I decided to join the opening of the shrine at 18:30h anyway.
And I didn’t regret it.
Now I know where and how Sri Lankan Buddhists satisfy their deprived senses!
The temple, holding the shrine, holding the chamber with the tooth, bursts from gold and lights and woodcarvings! Drums sound through the whole building and over the premises outside. Their pervasive rhythm is joined by the shawm. The whole building is filled with the smell of burning incense sticks and in front of the shrine thousands of lotus flowers make the fish-stand outside seem from another world. The fans and the evening breeze coming through the open roof disperse the smell over the praying people and prevent the crowded upper room from overheating. This is the room where people are waiting to cast a quick look into the chamber where a golden casket, shaped like a Dagoba, holds the tooth. Nobody is allowed to see the actual tooth but the golden, gemstone-emblazed Dagoba sparkles under the light, magnified by surrounding mirrors.

The pictures don’t do the place justice but to give you a hint…


Die Sache mit dem Buddhismus II

Für Buddhisten ist leben leiden. Die Blumen, die auf den Altären der buddhistischen Tempel dargeboten werden, sind ein Symbol dafür, dass alles, was gerade noch schön und kraftvoll war, im nächsten Moment verbraucht und tot sein kann. Das Steuerrad des Lebens hält nie Kurs auf Glück, Reichtum, Gesundheit und soziale Anerkennung. Es dreht sich ständig auf die entgegengesetzten Pole.


Die Geburt eines Kindes ist damit kein Grund zur Freude, sondern zur Trauer. Trauer darüber was diesem Lebewesen bevorsteht und darüber, dass es (schonwieder) nicht seinen Weg ins Nirwana gefunden hat. Denn das ist die einzige Erlösung aus dem Leid: Das Nirvana.
Dorthin zu gelangen ist nicht einfach und dauert ein paar Leben. Aber es hilft, wenn man den 5 (Haupt-) Regeln folgt:
1) Du sollst nicht töten (auch keine Tiere)
2) Du sollst nicht stehlen
3) Du sollst nicht lügen
4) Du sollst Dein Bewußtsein nicht vernebeln (sprich kein Alkohol oder Drogen)
5) Du sollst Deine Sinne (also sehen, hören, schmecken, riechen, tasten) nicht übermäßig bespaßen. Und schon gar nicht alle auf einmal. (Sex ist damit raus)

Die ersten drei Regeln kommen einem dann doch sehr bekannt vor. Warum jetzt das mit den Sinnen? Das hat damit zu tun, dass sie oft der Ausgangspunkt für Wünsche, Begehrlichkeiten und Verlangen sind. Sie möchten befriedigt werden und sind damit laut Buddhismus die Ursache allen Leidens. Weil eben Wünsche, Begehrlichkeiten und Verlangen am Anfang von allem was schlecht läuft stehen. Nun, man kann nachvollziehen und jeden Tag in der Welt beobachten, dass Habsucht und Gier (nach Geld, Macht, Status) zu unsäglichem Leid führen.
Der Teil, der für Europäer härter zu schlucken ist, ist, dass auch Träume, Erwartungen und Zukunftsplanung zu den Leid auslösenden Begehrlichkeiten gezählt werden. Diese Dinge sind im Westen doch sehr positiv besetzt. Und noch viel mehr sind es emotionale Bindungen zu Menschen, Tieren und Dingen. Doch Träume platzen, Erwartungen werden enttäuscht, Zukunftspläne zerstört. Und Lebewesen zu denen man eine tiefe Bindung aufgebaut hat, werden krank und sterben. (Oder sie mutieren zu Idioten.) All diese Dinge sind damit Quell unendlichen Leidens. Man muß sich von ihnen lossagen um das Leid zu beenden.

Und da wir das Leben nunmal ausschließlich über unsere Sinne wahrnehmen, fängt man sozusagen in der Anfängerversion hier mal mit dem Lossagen an.
So hat mir Thushan z.B. erzählt, dass er versucht keine Erwartungen an seine täglichen Mahlzeiten zu haben und  diese einfach als notwendige Handlung zum Überleben zu sehen. Frei nach dem Motto „es wird gegessen was auf den Tisch kommt“.

Jetzt bin ich ja durchaus der Meinung, dass ein bißchen dieser Einstellung so einigen verwöhnten deutschen Luxusgören sehr gut tun würde. Aber hier war meine erste Reaktion dann doch: „Wie traurig!“.
Es hat mir aber einiges über die Esskultur in Sri Lanka erklärt. Zuerst dachte ich, dass das Essen mit der (rechten!) Hand ein stundenlanges, gesellschaftliches Tafeln unpraktisch macht. Denn auch wenn es dem geschmacklichen Erlebnis noch eine haptische Komponente hinzufügt, sind längere Pausen unbequem und sofort nach dem letzten Bissen kommt die Frage auf: „Wo kann ich Hände waschen?“
Vielleicht spielt das auch mit rein, auf jeden Fall wird hier keine große Zeit für Essen verschwendet. Es ist auch kein gesellschaftliches Ereignis. Das Mittagessen der Familie steht irgendwann ab 12h (abgedeckt) auf dem Tisch und jeder nimmt sich wann er Lust hat, manchmal sogar im Stehen (wichtig ist nur, daß die Bediensteten nicht VOR der Familie essen. Ob das auch für Gäste gilt, habe ich noch nicht heraus bekommen). Genauso läuft es mit dem Abendessen. Entsprechend machen sich auch Restaurants keine Mühe mit Gemütlichkeit oder übermäßiger Sauberkeit. Das Essen ist zwar gut, gesund und verwendet durchaus ein Menge an Gemüse und Gewürzen aber irgendwie bleibt das Prinzip immer das gleiche: Ein Berg Reis in die Mitte und dann diverse „Currys“ (also Fleisch, Fisch, Soya, Kartoffeln, Ladyfinger oder andere Gemüse in Soße) drumherum. Und manchmal ist alles so scharf gewürzt, dass es sowieso gleich schmeckt (das mag jetzt aber nur mein europäischer Gaumen so empfinden). Es gibt keinen erkennbaren Unterschied zwischen Frühstück, Mittag- und Abendessen und wenn man die Bäckereien sieht, möchte man weinen. (Okay, noch etwas, was vielleicht nur MIR so geht😉
Naja, Ihr könnt Euch vorstellen, wie der erste Kulturschock eintrat, als Thushan sagte „wir gehen noch einen Kaffee trinken“ und ich das griechische, mindestens 1h dauernde, mit viel Süßigkeiten, Gelächter und Geläster bestückte „lets go for a coffee!“ im Kopf hatte!
(Da haben wir’s: Erwartungen als Quell von Enttäuschung. Quod erat demonstrandum!)

Die Sache mit dem Buddhismus I

Ich bin hier angekommen mit zugegebenermaßen nahezu null Ahnung von der Religion des Landes. Was man halt so weiß als Tourist: Karma, Wiedergeburt, Schultern bedeckt, respektvolles Verhalten und keine Selfies mit Buddha. Und irgendwie war da noch was mit Begierden als Quell allen Leidens, Leidenschaftslosigkeit als Ziel und die naive Hoffnung dass Buddhismus “besser” und “reflektierter” und ja, friedlicher als andere Religionen sei.
Den Rest sollte mir dann Thushan erklären. Der hatte mir geschrieben, daß er auch buddhistischer Lehrer sei und versprochen, mir, wenn ich möchte, Meditation und einen anderen Blickwinkel auf das Leben zu zeigen. Nicht schlecht, dachte ich mir, schlimmer kann’s ja nicht werden.
Das mit der Meditation ist bisher nichts geworden aber ich bekam bereits auf der Fahrt vom Flughafen einen Einblick in die Alltagsumsetzung des buddhistischen Glaubens.
Die Theorie der Reinkarnation in Form der Wiederverfestigung von (Lebens)Energie, Karma oder sowas wie Seele in einem anderen Lebewesen nach dem Tod war mir bekannt. Und auch, daß es sowas wie eine “Wiedergeburtsleiter” gibt, je nachdem wieviel gutes Karma man vor seinem Tod gesammelt hatte.
Eine Logik, die sich daraus ableitet, hatte ich allerdings nicht auf dem Schirm: Wenn Du für gute Taten und ein tugendhaftes Leben in diesem Leben mit guten Bedingungen (Reichtum, Gesundheit, soziale Anerkennung) im nächsten Leben belohnt wirst, heißt dies im Umkehrschluß: Wenn es Dir gerade schlecht geht, Du krank bist oder anderweitig leidest, mußt Du in Deinem letzten Leben etwas falsch gemacht haben (nicht falsch genug um als Ameise wiedergeboren zu werden, aber immerhin ;-). Dies wiederum bedeutet: Du bist an Deiner Misere selbst schuld.
Diesen “Tun-Ergehen-Zusammenhang”, die Strafe für Missetaten durch Leid, findet man auch immernoch in der christlichen Religion, dem Judentum und ich schätze auch im Islam.
Im Buddhismus (und Hinduismus) kommt dazu, daß Du eventuell wegen Taten leidest, an die Du Dich noch nichteinmal erinnern kannst.
In allen Fällen wird zu dem bestehenden physischen oder psychischen Leid der Betroffenen damit auch noch ein latentes Schuldgefühl obendraufgepackt.
(Und dieses “Falschgewesensein” als Ursache wird auch schon Kindern kommuniziert)
Die Annahme, man habe seine Probleme “verdient” ist einer schnellen Genesung sicher nicht zuträglich.
Auch bremst sie wahrscheinlich in vielen Fällen die Initiative, die eigenen Lebensumstände aktiv zum Besseren zu verändern.
Allerdings gibt dieser Glauben den Buddhisten zumindest keine Entschuldigung sich nicht um das Leid Anderer kümmern zu müßen (Nach dem Motto “Selbst Schuld!”, wie das bei den Christen praktiziert wird). Denn schließlich ist Dein eigenes nächstes Leben davon abhängig, wie Du ALLE Deine Mitmenschen behandelst.
Und so liegt Sri Lanka, trotz seines geringen Wohlstandes, im World Giving Index* von 2013-2017 auf Platz 10 (Deutschland hat Platz 19).

*World Giving Index: Statistik wie hilfsbereit verschiedene Länder in den Kategorien “Einem Fremden Hilfe geleistet”, “Geld gespendet” und “helfendes Ehrenamt” sind. Der 2018 Report ist hier einzusehen, genanntes Ranking auf S.12 :https://www.cafonline.org/docs/default-source/about-us-publications/caf_wgi2018_report_webnopw_2379a_261018.pdf